Mutterhunger: Über die Liebe, die uns geprägt hat, die Wunden unserer Kindheit und den Weg zu innerem Frieden
Aktualisiert: 26. Okt.
Vor Kurzem habe ich das Buch Mutterhunger von Kelly McDaniel gelesen. Es hat mich tief berührt, als Tochter und als Mutter einer Tochter. Während des Lesens kamen Erinnerungen an meine eigene Kindheit zurück und meine Gedanken wanderten zu meiner Mutter, zu ihrer Kindheit und zu den Generationen von Frauen vor ihr.

Unsere Mutter ist der erste Mensch, mit dem wir verbunden sind. Schon im Mutterleib hören wir ihren Herzschlag, spüren ihre Bewegungen und wachsen in ihrem Körper heran. Nach unserer Geburt brauchen wir ihre Nähe, ihre Wärme und ihren Schutz. In ihren Armen erleben wir Geborgenheit und durch ihre Zuwendung entwickeln wir nach und nach das Vertrauen, dass wir willkommen sind und die Welt ein sicherer Ort sein kann.
Kelly McDaniel beschreibt in ihrem Buch drei wesentliche Bedürfnisse, die unsere frühe Entwicklung prägen: Fürsorge, Schutz und Führung.
Wenn wir als kleine Kinder weinen, brauchen wir jemanden, der uns in den Arm nimmt. Wenn wir Angst haben, möchten wir uns sicher fühlen. Und während wir größer werden, brauchen wir liebevolle Begleitung, Orientierung und Menschen, die uns ermutigen, die Welt zu entdecken. Durch diese Erfahrungen entwickeln wir Vertrauen in uns selbst und in andere Menschen. Wir lernen, wie sich Liebe anfühlt und dass wir mit unseren Gefühlen und Bedürfnissen willkommen sind.
Doch was geschieht, wenn unsere Mutter selbst kaum Fürsorge erfahren hat? Wenn niemand sie beschützt hat oder sie schon als kleines Mädchen lernen musste, allein zurechtzukommen?
Wie soll eine Frau ihrem Kind Geborgenheit vermitteln, wenn sie selbst nie wirklich erfahren durfte, wie sich Geborgenheit anfühlt?
Dieser Gedanke hat mich beim Lesen besonders beschäftigt. Denn hinter einer Mutter, die ihrem Kind nicht die Liebe geben konnte, die es gebraucht hätte, steht manchmal eine Frau, die selbst zutiefst verletzt wurde. Ein kleines Mädchen, das Angst hatte, sich nach Zuwendung sehnte und früh lernen musste, seine Gefühle zurückzustellen. Auch dieses Mädchen hatte einmal Eltern. Und diese Eltern hatten ihre eigene Geschichte.
Wenn wir beginnen, auf unsere Familiengeschichte zu schauen, erkennen wir manchmal, wie weit die Erfahrungen von Angst, Verlust und fehlender Liebe zurückreichen. Menschen, die selbst Gewalt, Demütigung oder Ablehnung erfahren haben, tragen diese Verletzungen häufig ein Leben lang mit sich. Manche finden einen anderen Weg im Umgang mit ihren Kindern. Andere geben unbewusst etwas von dem weiter, was sie selbst erleiden mussten. So können sich Verletzungen und Verhaltensmuster über Generationen fortsetzen, obwohl sich Eltern für ihre Kinder oft von Herzen ein besseres Leben wünschen.
Kinder lieben ihre Mutter und möchten von ihr gesehen und angenommen werden. Wenn sie spüren, dass Mama traurig, wütend oder überfordert ist, versuchen sie manchmal, etwas daran zu ändern. Sie werden besonders lieb, übernehmen Verantwortung oder lernen, ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen. Manche erkennen schon an der Art, wie die Haustür geöffnet wird, welche Stimmung sie zu Hause erwartet.

Von außen betrachtet sind das häufig die vernünftigen, selbstständigen Kinder, auf die man sich immer verlassen kann. Dabei sieht kaum jemand, wie viel sie innerlich tragen.
Jahre später stehen diese Kinder längst mitten im Leben. Sie haben einen Beruf, eine Familie, übernehmen Verantwortung und sind für andere da. Sie haben gelernt, vieles allein zu schaffen, und werden für ihre Stärke bewundert. Gleichzeitig fällt es ihnen manchmal schwer, Hilfe anzunehmen, sich auf einen anderen Menschen zu verlassen oder sich einfach einmal fallen zu lassen.
Andere suchen immer wieder nach Menschen, die ihnen endlich die Liebe und Anerkennung schenken sollen, die sie als Kinder vermisst haben. Sie geben viel, passen sich an oder bleiben in Beziehungen, die ihnen nicht guttun. Kelly McDaniel beschreibt, wie unerfüllte Bedürfnisse aus der frühen Kindheit unser späteres Bindungsverhalten prägen und auch zu Versuchen beitragen können, eine innere Leere durch Essen, Alkohol oder andere Formen der Ablenkung zu füllen.
Was uns als Kindern geholfen hat, mit unserer Situation zurechtzukommen, begleitet uns manchmal noch Jahrzehnte später.
Besonders berührt hat mich die Erkenntnis, wie lange wir innerlich darauf warten können, von unserer Mutter endlich das zu bekommen, was uns gefehlt hat. Wir hoffen, dass sie uns irgendwann versteht, unsere Gefühle anerkennt oder uns die Liebe zeigt, die wir als Kinder gebraucht hätten.
Und während wir darauf warten, übersehen wir manchmal, dass unsere Mutter selbst ein Leben lang auf etwas gewartet hat. Auf die Anerkennung ihrer eigenen Eltern, auf liebevolle Worte, auf Schutz und Geborgenheit. Auf eine Kindheit, in der sie einfach nur Kind sein durfte.
In der systemischen Familienaufstellung begegnet uns ein Gedanke von Bert Hellinger, der für mich in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung hat: Die Eltern sind die Großen und die Kinder die Kleinen.
Als Kinder sind wir nicht dafür verantwortlich, unsere Eltern glücklich zu machen, ihre Verletzungen zu heilen oder die Last ihres Lebens zu tragen. Und doch übernehmen wir aus Liebe manchmal genau diese Verantwortung, ohne uns dessen bewusst zu sein.
In einer Familienaufstellung können wir beginnen, auf die Geschichte unserer Familie zu schauen und zu erkennen, welche Erfahrungen und Schicksale uns möglicherweise bis heute beeinflussen. Dabei geht es für mich weder darum, Schuldige zu suchen, noch das Verhalten unserer Eltern zu entschuldigen. Es geht darum, zu verstehen, was uns geprägt hat, und unseren eigenen Gefühlen einen Platz zu geben.
Manchmal verändert sich dadurch unser Blick auf die Mutter. Wir sehen hinter der erwachsenen Frau das kleine Mädchen, das sie einmal war, und beginnen zu verstehen, weshalb ihr manches so schwergefallen ist. Wir dürfen Mitgefühl für unsere Mutter empfinden und gleichzeitig traurig darüber sein, was uns als Kindern gefehlt hat. Beides darf nebeneinander bestehen.
Manchmal finden sich in einer solchen Begegnung Worte, die lange keinen Platz hatten:
"Mama, ich sehe dich und deine Geschichte. Ich sehe, dass dein Weg nicht leicht war und dass auch du vieles vermisst hast. Ich hätte mir manches anders gewünscht. Heute kann ich anerkennen, dass du mir gegeben hast, was dir möglich war. Du hast mir mein Leben geschenkt. Dafür danke ich dir."
Solche Worte können tief berühren, wenn sie sich für uns richtig anfühlen. Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte und findet auf seine Weise einen Umgang mit dem, was gewesen ist. Manche finden wieder einen liebevollen Zugang zu ihrer Mutter, andere brauchen Abstand, um gut für sich selbst sorgen zu können.
Innerer Frieden bedeutet für mich auch, die Hoffnung loslassen zu dürfen, unsere Mutter könnte eines Tages doch noch die Mutter werden, die wir als Kinder gebraucht hätten. Wenn wir unser Leben nicht länger an dieser Hoffnung ausrichten, entsteht Raum für neue Erfahrungen. Wir können lernen, unsere Bedürfnisse ernst zu nehmen, Unterstützung anzunehmen und Beziehungen zu gestalten, in denen wir uns sicher und angenommen fühlen.
Seit ich selbst Mutter bin, betrachte ich vieles noch einmal mit anderen Augen. Ich weiß, wie tief die Liebe zu den eigenen Kindern sein kann und dass wir trotzdem Fehler machen, nicht immer die richtigen Worte finden oder anders reagieren, als wir es uns wünschen. Umso wichtiger ist es mir, meinen Kindern zuzuhören, ihre Gefühle ernst zu nehmen und mich bei ihnen zu entschuldigen, wenn ich ihnen Unrecht getan habe.
Vor allem wünsche ich mir, dass sie ihre Kindheit leben dürfen, ohne sich für mein Glück verantwortlich zu fühlen. Dass sie ihren eigenen Weg gehen und wissen, dass sie geliebt werden, ohne dafür etwas leisten zu müssen.
Wenn ich heute auf die Frauen vor mir schaue, sehe ich neben all dem Schmerz auch ihre Kraft. Ich sehe Menschen, die schwere Zeiten überstanden haben, die weitergegangen sind und auf ihre Weise versucht haben, für ihre Kinder zu sorgen. Sie haben das weitergegeben, was ihnen möglich war. Neben ihren Verletzungen haben sie uns auch ihre Stärke, ihren Lebenswillen und ihre Erfahrungen hinterlassen.
Wir dürfen ihre Geschichten anerkennen und die Menschen vor uns würdigen, ohne ihre schweren Erfahrungen weitertragen zu müssen. Und wir dürfen mit derselben Liebe, mit der wir heute auf unsere Mütter schauen, auch dem Kind begegnen, das wir selbst einmal waren.
Unsere Vergangenheit können wir nicht verändern. Wir tragen die Geschichte unserer Mutter in uns. Doch wie wir unsere eigene Geschichte weiterschreiben, liegt in unseren Händen.
Von Herzen
Beate



