Was wir von den Vögeln lernen können: Über den Mut, die eigenen Flügel und das Herz zu öffnen
Aktualisiert: vor 16 Stunden
Jetzt im Herbst sieht man sie überall. Vögel, die sich sammeln, gemeinsam über den Himmel ziehen oder dicht nebeneinander auf den Dächern sitzen. Manche fliegen in großen Formationen weiter, andere bleiben noch eine Weile. Mein Blick bleibt oft an ihnen hängen. Ich beobachte, wie sie ihre Flügel ausbreiten und sich in die Luft erheben. Mit der Höhe verändert sich ihr Blick auf die Welt. Von oben werden Wege sichtbar, die vom Boden aus kaum zu erkennen sind.
Diese Bilder erinnern mich an eine Passage aus einem meiner liebsten Bücher. The Book of Awakening von Mark Nepo nehme ich immer wieder zur Hand. An manchen Tagen schlage ich es einfach auf und schaue, ob es eine kleine Botschaft für mich bereithält.
"No bird can fly without opening its wings, and no one can love without exposing their heart." Mark Nepo, The Book of Awakening
Diese Worte sind bei mir geblieben. Wenn ich jetzt im Herbst die Vögel am Himmel sehe, denke ich daran, wie sich mit der Höhe auch der Blick verändert. Die Landschaft unter einem Vogel verändert sich nicht, wenn er aufsteigt. Doch aus der Höhe sieht sie anders aus. Was vom Boden aus unübersichtlich erscheint, fügt sich aus der Entfernung zu einem größeren Bild zusammen. Wege werden sichtbar und eine neue Richtung kann sich zeigen. Ich mag dieses Bild.

Auch wir brauchen manchmal etwas Abstand, um wieder klarer sehen zu können. Viele von uns kennen diese Momente, in denen es innerlich eng wird. Manche Situationen oder Menschen berühren einen wunden Punkt in uns. Plötzlich sehen wir nur noch das, was uns verletzt oder verunsichert, und unsere Gedanken kreisen um das Außen und um Fragen, auf die es dort oft keine Antwort gibt.
Wenn wir wie die Vögel etwas Abstand gewinnen, verändert sich unser Blick auf die Situation, auf den anderen Menschen und auch auf uns selbst.
Dann geht es nicht mehr nur darum, was der andere tut. Wir können uns fragen, warum uns etwas so sehr berührt, woran wir festhalten und was wir eigentlich brauchen. Die Situation ist dadurch noch nicht gelöst, doch wir sind ihr nicht mehr auf dieselbe Weise ausgeliefert. Wir kommen wieder bei uns an und spüren, was uns möglich ist.
Was brauchen wir gerade? Wo liegt unsere Grenze? Was fühlt sich für uns noch stimmig an?
Der andere muss sich dafür nicht verändern. Doch in uns kann etwas klarer werden. Aus dieser Klarheit heraus können wir neu entscheiden, wie wir mit der Situation umgehen möchten. Darin liegt für mich eine große Freiheit.
Und vielleicht gehört zu dieser Freiheit auch, uns wieder zu öffnen. Mark Nepo verbindet in seinem Bild das Fliegen mit dem Öffnen der Flügel und die Liebe mit dem Öffnen des Herzens. Ein Vogel kann nur fliegen, wenn er seine Flügel öffnet.

Auch wir halten unsere Flügel manchmal eng am Körper. Wir verbergen unsere Verletzlichkeit, unsere Sehnsucht oder unsere Unsicherheit, weil wir gelernt haben, dass es sicherer ist, stark zu sein und alles mit uns selbst auszumachen. Dieser Schutz hatte einmal einen guten Grund.
Mit der Zeit kann er jedoch dazu führen, dass wir zwar weniger leicht verletzt werden, aber auch kaum noch wirkliche Nähe zulassen. Wir wünschen uns, gesehen zu werden, und zeigen zugleich nur die Seiten von uns, mit denen wir uns sicher fühlen.
Das Herz zu öffnen bedeutet nicht, jedem Menschen alles von uns zu zeigen. Und es bedeutet auch nicht, dort zu bleiben, wo wir nicht gesehen und respektiert werden. Ein offenes Herz braucht Grenzen. Sonst wird aus Offenheit schnell Selbstaufgabe.
Für mich beginnt Herzöffnung damit, ehrlich wahrzunehmen, was in uns geschieht, und es nicht sofort wegzuschieben.
Manchmal zeigt sie sich in einem einfachen Satz: „Ich vermisse dich.“ Oder: „Das hat mich verletzt.“
Sie kann auch heißen: „Ich wünsche mir, gesehen zu werden.“ „Ich brauche gerade Zeit.“ „Ich habe Angst, verletzt zu werden.“ Oder ganz ehrlich: „Hier kann ich nicht mitgehen.“
Solche Sätze brauchen Mut, weil wir vorher nicht wissen, wie unser Gegenüber darauf reagieren wird. Wir zeigen, was wir fühlen, was wir brauchen und wo unsere Grenze liegt. Das macht uns verletzlich. Gerade darin liegt auch etwas Befreiendes. Die Angst ist noch da, aber sie entscheidet nicht länger, wie viel von uns sichtbar werden darf.
Wenn ich in diesen Herbsttagen die Vögel am Himmel sehe, denke ich deshalb nicht nur an Aufbruch, sondern auch an Vertrauen. Daran, wie sie sich vom Wind tragen lassen und ihre Richtung verändern, wenn es notwendig wird. Auch wir dürfen innehalten, den Blick heben und spüren, ob die Richtung für uns noch stimmt.
Wo ist dein Blick gerade eng geworden?
Und was braucht dein Herz, damit es sich wieder ein Stück öffnen kann?
In meiner Arbeit begleite ich Menschen dabei, ihr eigenes Leben aus einer anderen Perspektive zu betrachten und besser zu verstehen, was in ihnen wirkt.
Im systemischen Coaching, in einer Familienaufstellung oder in der energetischen Begleitung entsteht ein geschützter Raum, in dem du dir selbst wieder näherkommen kannst. Behutsam und in deinem eigenen Tempo.
Wenn du gerade noch nicht weißt, wohin dein Weg führt, erinnere dich an die Vögel.
Sie kennen nicht den ganzen Himmel. Sie öffnen ihre Flügel und lassen sich tragen.
Für den Anfang reicht es, deine Flügel ein kleines Stück zu öffnen.
Von Herzen
Beate



