Vom Suchen und Finden der Liebe
Vor ein paar Monaten war eine Frau bei mir. Es ging darum, wie schwer es ihr fiel, liebevoll mit sich selbst zu sein. Ihre inneren Kritiker waren laut. Wir hatten bereits ihre Glaubenssätze angeschaut und darüber gesprochen, wie sie ihr Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen. Ich hatte das Gefühl, dass es an diesem Punkt etwas anderes brauchte als Worte. Deshalb schlug ich ihr vor, sich eine kleine Puppe zu schenken. Als sichtbares Bild für ihr inneres Kind und für das kleine Mädchen in ihr, das sich nach Liebe, Nähe und Geborgenheit sehnte.

Sie fragte mich: „Wo soll ich denn so eine Puppe finden?“ Ich musste gar nicht lange überlegen. Die Antwort kam einfach aus mir heraus: „Du musst sie nicht suchen. Die Puppe wird dich finden. Du wirst ihr begegnen und wissen, dass sie es ist.“
Einige Monate vergingen. Vor ein paar Tagen rief sie mich voller Freude an. Am Wochenende war sie in einem Secondhandladen gewesen. Eigentlich wollte sie nur nach Kleidung schauen. Dort saß plötzlich diese eine Puppe. Sie hatte rote Haare und Sommersprossen. Genau wie sie selbst. Als sie die Puppe sah, wusste sie sofort: Das ist sie.
Vielleicht hatte sie die Puppe gefunden. Vielleicht hatte die Puppe auch sie gefunden.
Ihre Geschichte hat mich tief berührt, weil es in diesem Moment um so viel mehr ging als um eine Puppe. Etwas, das lange nur ein Gefühl gewesen war, hatte plötzlich ein Gesicht bekommen. Das kleine Mädchen in ihr war wieder da. Sie konnte es ansehen, in den Arm nehmen und ihm all das sagen, was sie selbst früher so sehr gebraucht hätte: „Ich sehe dich. Du bist richtig. Du musst nichts tun, um geliebt zu werden. Ich bleibe bei dir.“
Seit diesem Anruf denke ich immer wieder darüber nach, wie viel diese Geschichte mit unserer Suche nach Liebe zu tun hat. Viele von uns suchen die Liebe zuerst im Außen. In Beziehungen, in Anerkennung und in dem Gefühl, für einen anderen Menschen wichtig zu sein. Wir sehnen uns nach jemandem, der uns wirklich sieht, uns versteht und auch dann bleibt, wenn wir gerade nicht stark sind.
Hinter dieser Sehnsucht steht oft ein viel jüngerer Teil in uns. Ein Kind, das gelernt hat, sich anzupassen, zu funktionieren oder die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen. Vielleicht glaubte es, besonders lieb, stark oder unkompliziert sein zu müssen, um geliebt zu werden. So warten wir manchmal auch als Erwachsene darauf, endlich gewählt zu werden, und vergessen dabei, uns selbst zu wählen.
Aus Angst, von einem anderen Menschen verlassen zu werden, verlassen wir uns selbst. Wir übergehen unsere Gefühle, halten unsere Bedürfnisse zurück und bleiben dort, wo es uns längst nicht mehr guttut. Dabei wird unser Wert nicht kleiner, nur weil ein anderer Mensch uns nicht sieht, nicht wählt oder nicht lieben kann.
Selbstliebe ist inzwischen ein großes Wort. Für mich bedeutet sie etwas ganz Einfaches und gleichzeitig sehr Tiefes: mich selbst nicht mehr zu verlassen.
Bedingungslose Liebe bedeutet nicht, dass ich immer alles an mir mögen muss. Sie bedeutet, dass meine Liebe zu mir nicht verschwindet, sobald ich zweifle, traurig bin oder Fehler mache. Gerade dann bleibe ich bei mir. Statt mich für das zu verurteilen, was ich fühle, sage ich mir: „Ich sehe dich. Du bist nicht zu viel. Du musst mir nichts beweisen. Ich gehe nicht weg.“

Genau danach sehnt sich unser inneres Kind. Es braucht nicht immer weitere Erklärungen. Es braucht die Erfahrung, dass heute jemand da ist, der es sieht, ernst nimmt und sich nicht abwendet. Heute dürfen wir lernen, selbst dieser Mensch für uns zu sein.
Wenn diese Liebe in uns wächst, verändert sich auch etwas in unseren Beziehungen. Vielleicht wünschen wir uns weiterhin Nähe und einen Menschen an unserer Seite. Gleichzeitig geben wir ihm nicht mehr die Verantwortung für unseren eigenen Wert. Wir können lieben, ohne uns selbst dabei zu verlieren. Die Liebe im Außen muss uns dann nicht mehr retten. Sie darf uns begegnen, begleiten und unser Leben bereichern.
Vielleicht wäre diese Frau einige Monate zuvor an der Puppe vorbeigegangen. Jetzt konnte sie sie sehen. Dabei hatte sich nicht plötzlich alles gelöst. Vielleicht war sie einfach bereit geworden, sich diesem Teil in sich zuzuwenden.
Manche Dinge können wir nicht erzwingen. Wir können bewusster werden und wahrnehmen, was uns berührt. Manchmal ist es eine Begegnung, ein Gefühl oder ein Satz, der uns nicht mehr loslässt. In dieser Geschichte war es eine kleine Puppe mit roten Haaren und Sommersprossen in einem Secondhandladen.
Diese Puppe hatte nicht einfach nur eine Frau gefunden. Sie hatte ein kleines Mädchen gefunden, das lange darauf gewartet hatte, wieder in den Arm genommen zu werden.
Vielleicht ist das die Liebe, nach der wir so lange suchen. Eine Liebe, die uns nicht vervollständigen muss, sondern uns zu uns selbst zurückführt.
Wenn du dich in diesen Zeilen wiedererkennst und dir wünschst, wieder näher bei dir anzukommen, melde dich gern bei mir. Ich begleite dich dabei, dich selbst wieder zu spüren und deinen eigenen Wert nicht länger im Außen zu suchen.
Von Herzen
Beate



